Glaubenswahrheiten gehören nicht in die staatliche Bildung

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HVD begrüßt Erklärung von Hans-Christian Ströbele zum Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Integratives Schulfach „Ethik" ist bundesweit nötig.

Der traditionelle Religionsunterricht an Schulen ist nicht länger zu rechtfertigen. Die Feststellung des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele am Mittwochabend in Hannover wurde vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) begrüßt. „Die Schule ist eine staatliche Veranstaltung, da gehört eine neutrale Information hin“, sagte Hans-Christian Ströbele in der Talkrunde der Fernsehsendung „Tacheles“. Er sprach sich auch dagegen aus, eine Lehre mit religiösen Glaubenswahrheiten als geeigneten Teil von Angeboten der staatlichen Pädagogik zu sehen.

„Die Erklärungen von Hans-Christian Ströbele können wir unterstützen“, sagte Frieder Otto Wolf, Präsident des HVD, gestern dazu. Grundsätzlich befürwortet der HVD zwar weltanschaulich geprägte Unterrichtsangebote freiwilliger Natur an staatlich finanzierten Schulen. Diese sollten aber kein Ort für die Verbreitung von dogmatisch fixierten Glaubenswahrheiten sein, gerade wenn es um die Vermittlung von ethischen Grundsätzen und die Bildung von Kompetenzen zur Reflexion über Sinnfragen oder damit verwandte Themen geht. Reflektierte und wissenschaftlich fundierte Positionen sind in diesem Bereich ebenso unverzichtbar wie in anderen Fächern. „Auch ein Religionsunterricht darf nicht die Lehre von erwiesenen Unwahrheiten oder unüberprüfbaren Tatsachenbehauptungen zum Inhalt haben“, so Wolf. Die Kirchen sollten sich in diesem Bereich wie alle anderen religiösen Gemeinschaften nicht von der Pflicht ausnehmen dürfen, ihre Inhalte und Ansichten dem heutigen Forschungs- und Diskussionsstand anzupassen.

Grundsätzlich ist ein weltanschaulich positionierter Unterricht machbar, der diesen Ansprüchen entspricht, sagte Wolf weiter und verwies darauf, dass der HVD in Berlin und Brandenburg selbst Träger des freiwilligen Angebots „Humanistische Lebenskunde“ ist, das mit entsprechenden freiwilligen Angeboten der Kirchen durchaus erfolgreich konkurriert. „Maßgeblich muss immer sein, wie weit die vermittelten Informationen mit dem wissenschaftlichen Wissensstand im Einklang stehen und philosophisch offen reflektiert werden. Es geht bei derartigen Angeboten darum, die Heranwachsenden in ihrer Entwicklung als selbstbestimmte, verantwortungsbewusste Menschen dadurch zu fördern, dass sie lernen, eigene Orientierungen zu finden und dabei die eigene Identität auf eine Weise zu bilden und zum Ausdruck zu bringen, die mit Toleranz und Empathie gegenüber den anderen verbunden ist. Allen Menschen und allen Lebewesen ist Respekt zu erweisen. Das ist ein unverzichtbare Forderung, auch an religiöse Weltanschauungen.“

Frieder Otto Wolf plädierte aus Anlass von Hans-Christians Ströbeles Erklärung auch noch einmal dafür, sich verstärkt für die Einführung eines allgemein verbindlichen Lehrfachs „Ethik“ in allen Bundesländern einzusetzen, wie es in Berlin und Brandenburg seit einigen Jahren existiert. Solch ein integratives Pflichtfach zur Wertevermittlung ist auch Teil der Forderungen des Koordinierungsrates säkularer Organisationen (KORSO), der die über 25 Millionen konfessionsfreien und nichtreligiösen Menschen mit humanistischen Lebensvorstellungen in Deutschland vertreten will.

Wolfs Plädoyer weiter: „Menschen, die das für Humanistinnen und Humanisten bedeutende Recht der Selbstbestimmung von Eltern und ihre Kinder schätzen, sollten sich deshalb politisch und gesellschaftlich für die Etablierung attraktiver und tragfähiger Alternativen zum traditionellen Religionsunterricht einsetzen, in denen Schülerinnen und Schüler über sich selbst und die Welt nachzudenken und über Werte und Ideen selbstständig zu reflektieren lernen. Wie dabei die erfolgreiche Entwicklung in Berlin und Brandenburg gezeigt hat, lassen sich so wahrheitspolitisch falsch artikulierte Dogmatismen als Elemente des staatlich finanzierten Bildungsangebots effektiv verhindern.“

Der traditionelle dogmatische Religionsunterricht als Bestandteil des von der Schulpflicht erfassten Lehrangebots der Schule ist „angesichts des heutigen Erkenntnisstandes jedenfalls nicht länger als Teil einer Vermittlung neutraler Informationen an Schülerinnen und Schülern zu rechtfertigen, die für einen tragfähigen und zeitgemäßen ethischen Standpunkt erforderlich sind“, so Wolf schließlich.

Hinweis: Die Aufzeichnung der Fernsehsendung mit Hans-Christian Ströbele wurde am Sonntag, dem 16. Oktober 2011, um 13 und 24 Uhr auf Phoenix ausgestrahlt. „Tacheles“ wird getragen von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der hannoverschen Landeskirche sowie der Klosterkammer Hannover.

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