Papst und Kirche müssen sich historischen Tatsachen stellen

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Frieder Otto Wolf begrüßte offene und ehrliche Worte des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider zur Rolle christlich geprägter Menschen im Hitler-Regime.

„Die offenen Worte des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Rolle von Christinnen und Christen im Nazi-Regime verdienen eine deutliche Anerkennung“, sagte gestern Frieder Otto Wolf, Präsident des Humanistischen Verbandes Deutschlands, zu am vergangenen Samstag veröffentlichten Erklärungen von Nikolaus Schneider.

Der EKD-Ratsvorsitzende Schneider hatte im Interview mit der Tageszeitung „Berliner Morgenpost“ an die große Zahl auch christlich geprägter Menschen erinnert, die zu den Tätern des Regimes unter Adolf Hitler gehörten. Er wandte sich dabei gegen das Diktum der römisch-katholischen Kirche, laut deren offizieller Deutung die unzähligen Opfer des Hitlerfaschismus eine Konsequenz von Gottlosigkeit gewesen seien. Nikolaus Schneider erklärte zudem, den Hass Martin Luthers gegenüber Juden, der ländlichen Bevölkerung seiner Zeit und anderen Gruppen im Zuge des kommenden Reformationsjubiläums im Jahr 2017 zu thematisieren, sei ein Gebot der Redlichkeit.

„Nikolaus Schneider leistet mit seinen ehrlichen und unumwundenen Worten weiter einen wichtigen Teil von Aufarbeitung, den wir begrüßen“, so Frieder Otto Wolf. „Zu lange konnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Formen von philosophischer und theologischer Reflexion in der Gesellschaft beobachtet werden, bei denen die entsetzliche Zahl der Opfer und die menschenverachtenden Taten während der Nazi-Tyrannei in eine direkte Konsequenz atheistischer Geisteshaltungen oder einer Hybris der menschlichen Vernunft umgedeutet wurde. Bis in die jüngste Zeit bedienten sich zahlreiche Theologen oder Politiker dieser Deutungen, um gegenüber den Anliegen und Ideen säkularer und nichtreligiöser Menschen Angst und Furcht zu verbreiten.“

Allerdings darf nach Wolfs Auffassung „die Zurückweisung dieser verfälschenden Geschichtsinterpretation nicht zum Vorwand dafür dienen, den Anteil bestimmter Elemente auch neuerer nichtreligiöser Traditionslinien an der Legitimation der Naziverbrechen  bzw. an deren kultureller Vorgeschichte zu leugnen“, die „von elitären ‘Übermensch’-Fantasien über sozialdarwinistische Selektions- und sogar ‘Euthanasie’-Konzepte bis hin zu den gerade unter deutschen Intellektuellen verbreiteten Legitimationen einer zynischen Staats- und Machtanbetung“ gereicht haben. In der Geschichte der konfessionsfreien Kulturorganisationen stünden genug Anknüpfungspunkte für eine klare kritische Haltung gegenüber diesen Pervertierungen einer säkularen Weltanschauung bereit.

Noch heute begegnen auf der ganzen Welt nichtreligiöse Menschen und ihre Ideen Vorurteilen in der öffentlichen Meinung, die auf verfälschende Interpretationen der ‘Nacht des 20. Jahrhunderts’ zurückgehen, stellte Wolf fest. „Die Worte des EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider sollten gerade wir deshalb besonders würdigen.“

Frieder Otto Wolf plädierte schließlich dafür, dass sich die katholische Kirche ebenfalls ihrer Rolle zu stellen habe. „Wir müssen und sollten es nicht tolerieren, dass ein kleiner Teil der deutschen Christenheit Verantwortung auf sich nimmt, während der offizielle Katholizismus und insbesondere der aus Deutschland stammende Joseph Ratzinger sich dem mit allen Mitteln zu entziehen versucht. Konfessionsfreie wie konfessionell gebundene Menschen könnten deshalb in Zukunft in diesem Punkt stärker zusammenarbeiten, um hier endlich eine Wende herbeizuführen: Der Papst und die Kirche selbst sollten sich historischen Tatsachen stellen müssen.“

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