Grußwort zum neuen Jahr 2026

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Beitragsbild: Albert Kuular/unsplash

Der Bundesvorstand des Humanistischen Verbandes Deutschlands wünscht ein waches, fühlendes und mitfühlendes Jahr 2026. Verantwortung liegt bei uns, Menschlichkeit beginnt jetzt.

Schon wieder ein neues Jahr. Es kommt zuverlässig, fast unverschämt pünktlich – ganz gleich, ob wir bereit sind oder nicht. Es fragt nicht nach unseren Plänen, unseren Sorgen oder unseren guten Vorsätzen. Es ist einfach da.

Und wir? Wir stoßen an, zählen rückwärts, lachen, umarmen uns – und tun für einen kurzen Moment so, als hätten wir die Kontrolle über die Zukunft. Erich Kästner hätte seine Freude an diesem menschlichen Schauspiel – und er hat es in seinem „Spruch für die der Silvesternacht“ sehr treffend eingefangen:

Man soll das Jahr nicht mit Programmen
beladen wie ein krankes Pferd.
Wenn man es allzu sehr beschwert,
bricht es zu guter Letzt zusammen.

Je üppiger die Pläne blühen,
umso verzwickter wird die Tat.
Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
und schließlich hat man den Salat!

Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
Es nützt nichts, und es schadet bloß,
sich tausend Dinge vorzunehmen.
Lasst das Programm! Und bessert euch drauflos!

Natürlich wissen wir: Das alte Jahr nimmt seine Geschichten mit – und viele davon bleiben uns erhalten. Rechtsruck, Krisen, Einsamkeit, Kriege, soziale Kälte. Aber ebenso: Mut, Mitgefühl, Engagement, Widerstand gegen Unrecht, Menschlichkeit im Kleinen wie im Großen.

Denn bei aller Unberechenbarkeit der Welt bleibt eines sicher:
Zeit vergeht – aber Verantwortung bleibt.

Sie ist kein Schicksal, kein unsichtbarer Plan, kein göttliches Konstrukt. Sie ist das, was wir aus ihr machen. Was wir in sie hineinlegen: Zuwendung oder Wegsehen. Hoffnung oder Resignation. Handeln oder Schweigen.

Kästner formuliert diese Wahrheit fast schmerzhaft klar in seinem Gedicht „Ich bin die Zeit“:

Mein Reich ist klein und unabschreitbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich kenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich trenn die Gut‘ und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, – das sei euch anvertraut:
Ihr seid zu laut!
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör‘ den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör‘ euch beten, fluchen schrei’n,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör‘ nur Euch, nur Euch allein …
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Seid endlich still!

Ihr seid ein Stäubchen am Gewand der Zeit, –
Lasst euren Streit!
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Mikroben pflegen nicht zu schrei’n.
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Könnt ihr zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit!
Hört auf die Zeit!

Für uns Humanist*innen bedeutet das: Wir warten nicht auf Rettung. Wir warten nicht auf ein Zeichen von oben. Wir sind es selbst, die entscheiden, ob dieses neue Jahr kälter oder wärmer wird – menschlicher oder gleichgültiger.

Und das beginnt nicht „irgendwann“. Nicht am Montag. Nicht nach den Ferien.
Sondern – nun ja – jetzt.

Ganz kästnerisch gesagt:
Die Jahre ändern sich von allein.
Die Menschen müssen es schon selbst übernehmen.

In diesem Sinn wünschen wir Ihnen – und uns – kein perfektes, aber ein waches, fühlendes, mitdenkendes und mitfühlendes neues Jahr.
Christiane Herrmann

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