Was nichtreligiöse und religiöse Menschen verbindet

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Beitragsbild: Guillaume Jaillet/unsplash

Beim World Humanist Congress in Ottawa zeigte die Soziologin Dr. Sarah Wilkins-Laflamme, wie sich Gesellschaften im Zuge der Säkularisierung verändern und warum religiöse und nichtreligiöse Menschen bei vielen gesellschaftspolitischen Fragen näher beieinanderliegen als erwartet.

Wie verändern sich Gesellschaften, wenn immer mehr Menschen keiner Religion mehr angehören? Und bedeutet dieser Wandel zwangsläufig, dass religiöse und nichtreligiöse Menschen gesellschaftspolitisch immer weiter auseinanderrücken?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich Dr. Sarah Wilkins-Laflamme in ihrer Keynote beim World Humanist Congress in Ottawa. Auf Grundlage internationaler Daten, unter anderem aus dem World Values Survey, dem European Values Survey und kanadischen Langzeitstudien, betrachtete sie die Säkularisierung als gesellschaftlichen Übergangsprozess, der Länder und Generationen unterschiedlich erfasst.

Dabei wurde deutlich: Bei einigen gesellschaftspolitischen Fragen liegen die Einstellungen von religiösen und nichtreligiösen Menschen tatsächlich weit auseinander. Bei anderen sind die Gemeinsamkeiten dagegen überraschend groß.

Säkularisierung geschieht in Phasen

Am Beispiel Kanadas lässt sich der Wandel besonders eindrucksvoll beobachten. 1911 gaben gerade einmal 0,4 Prozent der Bevölkerung an, keiner Religion anzugehören. 1971 waren es vier Prozent, 2021 bereits rund 35 Prozent.

Wilkins-Laflamme unterscheidet dabei unterschiedliche Phasen gesellschaftlicher Säkularisierung. In einer frühen Phase ist Nichtreligiosität eine kleine Minderheitenposition, die auf erheblichen Widerstand und gesellschaftlichen Druck treffen kann. Mit wachsender Säkularisierung folgt eine Phase der Koexistenz religiöser und nichtreligiöser Bevölkerungsgruppen. In einer fortgeschrittenen Phase kann sich schließlich das gesellschaftlich Selbstverständliche verschieben: Nichtreligiosität wird zu einer normalen Option, die nicht mehr eigens erklärt oder begründet werden muss.

Nach Wilkins-Laflamme bewegt sich Kanada gegenwärtig auf eine solche fortgeschrittene Phase zu. Besonders deutlich wird dies beim Blick auf die Generationen: Unter jüngeren Menschen gibt inzwischen mehr als die Hälfte an, keiner Religion anzugehören. Nichtreligiosität wird damit zunehmend auch von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Die Entwicklung verläuft allerdings nicht überall gleich. Zu den fortgeschritten säkularisierten Gesellschaften zählt Wilkins-Laflamme etwa Australien, Tschechien, Estland, Ungarn, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande. Zahlreiche andere Gesellschaften befinden sich dagegen in früheren Phasen. Säkularisierung ist damit kein überall gleichzeitig und gleichförmig verlaufender Prozess.

Große Unterschiede bei Selbstbestimmung und reproduktiven Rechten

Von dieser langfristigen Entwicklung führte Wilkins-Laflamme zu einer Frage, die gegenwärtig viele gesellschaftliche Debatten prägt: Wie stark unterscheiden sich religiöse und nichtreligiöse Menschen politisch und gesellschaftlich tatsächlich?

Besonders groß sind die Unterschiede bei Fragen der sexuellen Selbstbestimmung, der Geschlechterrollen und der reproduktiven Rechte: bei Homosexualität und der Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, beim Schwangerschaftsabbruch, bei Scheidung oder Sterbehilfe sowie bei Vorstellungen über die Rolle von Frauen in Familie und Arbeitswelt.

Vergleicht man in den europäischen Daten das religiöseste Viertel der Befragten – gemessen etwa an Gottesglauben, Gebet und Teilnahme an Gottesdiensten – mit dem am wenigsten religiösen Viertel, zeigen sich deutlich unterschiedliche Verteilungen: Stark religiöse Menschen vertreten im Durchschnitt konservativere Positionen, wenig oder nichtreligiöse Menschen häufiger progressive.

Gleichzeitig warnen die Daten vor einer zu einfachen Gegenüberstellung. Die Gruppen überschneiden sich: Es gibt progressive religiöse Menschen ebenso wie konservative nichtreligiöse. Religiosität ist also ein wichtiger Zusammenhangsfaktor – aber sie bestimmt gesellschaftspolitische Einstellungen keineswegs vollständig.

Wie deutlich solche Unterschiede ausfallen können, zeigt sich am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs. In Kanada halten etwa 40 Prozent der religiösen Befragten, aber 76 Prozent der Nichtreligiösen einen Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten oder allen Umständen für gerechtfertigt. Das entspricht einer Differenz von 36 Prozentpunkten.

Auch in den USA zeigt sich bei diesem Thema ein deutlicher Abstand zwischen den beiden Gruppen. Mexiko wiederum weist einen geringeren Unterschied auf – allerdings auch deshalb, weil die Zustimmung zum Recht auf Schwangerschaftsabbruch dort insgesamt geringer ausfällt.

Kleine Unterschiede bei Umwelt, Migration und Demokratie

Bei anderen politischen Themen wurde das Bild deutlich weniger eindeutig. Beim Umweltschutz etwa befürworten in Kanada rund 55 Prozent der religiösen und 66 Prozent der nichtreligiösen Befragten, dem Schutz der Umwelt Vorrang vor Wirtschaftswachstum einzuräumen. Ein Unterschied ist vorhanden, fällt aber erheblich geringer aus als bei reproduktiven Rechten.

Noch geringer sind die Unterschiede bei Einstellungen gegenüber Einwanderern und ausländischen Arbeitnehmer*innen. Die große Mehrheit beider Gruppen hat kein Problem damit, Menschen mit Migrationsgeschichte als Nachbar*innen zu haben.

Bei der Bedeutung der Demokratie  verschwinden die Unterschiede nahezu vollständig.  Rund drei Viertel der religiösen wie der nichtreligiösen Befragten in Kanada halten Demokratie für absolut wichtig. Auch in den USA liegen die Gruppen dicht beieinander. Selbst in Russland, wo die Zustimmung zur Demokratie insgesamt deutlich geringer ausfällt, unterscheiden sich religiöse und nichtreligiöse Menschen in dieser Frage nur wenig.

Ob religiöse und nichtreligiöse Menschen weit auseinanderliegen, hängt entscheidend davon ab, worüber man sie befragt.

Keine gespaltene Gesellschaft

Wilkins-Laflammes Befunde relativieren damit auch die verbreitete Erzählung einer immer weiter auseinanderdriftenden Gesellschaft. Konflikte erhalten öffentliche Aufmerksamkeit. Sie erzeugen Schlagzeilen und prägen politische Auseinandersetzungen. Weniger sichtbar sind dagegen jene Bereiche, in denen gesellschaftliche Gruppen ähnliche Vorstellungen haben.

Gerade bei Selbstbestimmung, reproduktiven Rechten, Geschlechterrollen oder LGBTQ+-Rechten bestehen teilweise erhebliche Unterschiede. Aber daraus folgt eben nicht, dass religiöse und nichtreligiöse Menschen zwei geschlossene gesellschaftliche Lager bilden, die sich in sämtlichen politischen Fragen gegenüberstehen.

Koexistenz wird zur gesellschaftlichen Realität

Das ist umso bedeutsamer, weil die meisten Gesellschaften auf absehbare Zeit weder ausschließlich religiös noch ausschließlich nichtreligiös sein werden. In vielen Ländern ist der säkulare Wandel in vollem Gang. Doch religiöse Bevölkerungsgruppen werden deshalb nicht einfach verschwinden – und ebenso wenig die wachsenden nichtreligiösen Bevölkerungsgruppen.

Die gesellschaftliche Realität ist deshalb zunehmend eine Koexistenz: Religiöse und nichtreligiöse Menschen leben in denselben Städten, arbeiten in denselben Institutionen und verhandeln miteinander dieselben politischen und sozialen Fragen. In manchen Gesellschaften geschieht dies relativ friedlich, in anderen entstehen daraus erhebliche Konflikte. Die entscheidende Frage lautet daher weniger, ob diese unterschiedlichen Weltanschauungen nebeneinander existieren werden, sondern wie diese Koexistenz gestaltet wird.

Was bedeutet das für humanistischen „Widerstand“?

Für Wilkins-Laflamme führt die empirische Analyse unmittelbar zu einer Leitfrage des Weltkongresses: Was kann „Resistance“ unter diesen Bedingungen bedeuten? Widerstand kann bedeuten, die eigenen Werte entschieden zu verteidigen und für politische Veränderungen einzutreten, insbesondere dort, wo Menschenrechte, individuelle Autonomie oder Selbstbestimmung zur Disposition stehen. Gleichzeitig kann Widerstand auch bedeuten, jene Bereiche zu erkennen, in denen Menschen mit unterschiedlichen weltanschaulichen Hintergründen Werte miteinander teilen und auf dieser Grundlage zusammenzuarbeiten.

Am Ende ihrer Keynote sprach sie von rapprochement: von Annäherung und Gemeinsamkeiten, die neben den realen Unterschieden ebenfalls existieren. Solche Gemeinsamkeiten können Verbindungen ermöglichen – zwischen nichtreligiösen Menschen, aber durchaus auch mit Menschen, die fest in einer religiösen Tradition stehen.

Für humanistische Organisationen liegt darin eine interessante strategische Perspektive: Nicht jede Differenz muss überwunden werden, bevor Zusammenarbeit möglich ist. Bei Menschenrechten, Selbstbestimmung oder reproduktiven Rechten können klare Auseinandersetzungen notwendig sein. Gleichzeitig gibt es gesellschaftliche Felder – etwa Demokratie, Umwelt oder Fragen des Zusammenlebens –, in denen Gemeinsamkeiten möglicherweise größer sind, als die allgegenwärtige Erzählung von gesellschaftlicher Spaltung vermuten lässt.

Humanistische „Resistance“ kann deshalb beides bedeuten: klare Grenzen dort, wo fundamentale Werte berührt sind – und die Fähigkeit zu Bündnissen dort, wo gemeinsame Werte tragen.

Bündnisse über weltanschauliche Grenzen hinweg

Gerade diese letzte Erkenntnis macht die Keynote über die reine Säkularisierungsforschung hinaus interessant: Nicht die Frage „religiös oder nichtreligiös?“ entscheidet allein darüber, wer gesellschaftspolitisch Verbündeter sein kann. Entscheidend ist auch, worüber wir sprechen – und welche Werte wir in einer konkreten Frage miteinander teilen.

Für den Humanistischen Verband Deutschlands ist diese Perspektive auch für die eigene politische Arbeit relevant: Kooperation setzt keine vollständige weltanschauliche Übereinstimmung voraus. Wir schließen Bündnisse themenbezogen – mit denjenigen, mit denen wir in einer konkreten Frage gemeinsame Ziele und Werte teilen. Das kann bedeuten, an einem Tag mit religiösen Organisationen für Demokratie, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit oder gegen Rechtsextremismus einzutreten und am nächsten Tag in Fragen der Selbstbestimmung, des Verhältnisses von Staat und Religion oder reproduktiver Rechte deutlich gegensätzliche Positionen zu vertreten.

Auch Prof. Ralf Schöppner hob auf dem Weltkongress die Unterscheidung zwischen opponents und enemies hervor – zwischen politischen oder weltanschaulichen Gegnern und denjenigen, die die Grundlagen der demokratischen Ordnung selbst angreifen. Nicht jede fundamentale Meinungsverschiedenheit macht den anderen zum Feind. Eine demokratische Gesellschaft muss auch scharfen Widerspruch aushalten können, ohne den gemeinsamen politischen Raum aufzukündigen.

Für den Humanistischen Verband Deutschlands folgt daraus: Wo Menschenrechte und individuelle Selbstbestimmung berührt sind, bleibt klare Kritik notwendig. Zugleich sollten weltanschauliche Unterschiede nicht dazu führen, mögliche Bündnispartner aus dem Blick zu verlieren. Entscheidend ist, in konkreten politischen Fragen gemeinsame Werte und Ziele zu erkennen und daraus gemeinsame Handlungsfähigkeit zu entwickeln.

Zur Person: Dr. Sarah Wilkins-Laflamme ist Associate Professor für Soziologie an der University of Waterloo in Kanada. Die an der University of Oxford promovierte Soziologin forscht insbesondere zu Säkularisierung, Nichtreligiosität und Nichtglauben sowie zum Verhältnis von Religion, gesellschaftlichen Einstellungen und sozialem Wandel. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen religiösen und nichtreligiösen Bevölkerungsgruppen in westlichen Gesellschaften.

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